DIE PAUSIERTE GEGENWART

I WANT TO RETURN RETURN RETURN

UNTERWEGS IM KIEZ

Ein Sommertag im Berliner Wrangelkiez. Elpi, eine junge Griechin, erhält einen Anruf von einer Freundin. Beide haben sich lange nicht gesehen und verabreden sich für den Abend.

Bis dahin verwebt sich Elpis Warten mit Episoden aus dem Leben im Kiez: Da ist die Rede von einer Kindheit auf einer Tabakfarm in Kentucky, vom Warten auf die Eröffnung des Flughafens Berlin-Brandenburg und von der beängstigenden Entwicklung des Wohnungsmarktes. Auf unterschiedliche Weise sprechen die Figuren von lang zurückliegenden Tagen, der Pausierung der Gegenwart und einer sich daraus ergebenden Vertagung der Zukunft.

Der Leichtigkeit sommerlicher Bilder auf gelbstichigem und entzeitlichem 16-mm-Material ist zugleich eine beängstigende Ruhe eingeschrieben, der Einstellungen wartender und schauender Menschen an ihren Fenstern an die Seite gestellt werden. Und auch im Titel des Filmes ist das Warten auf etwas, das wiederkehren soll, von dem aber nicht klar ist, was es sein soll, eher schon, dass es nicht wiederkehren wird, manifest und beschreibt ein sehr aktuelles Berlingefühl.

DIE HAUPTSTADT UND IHRE FILME

Für das deutsche Kino war Berlin historisch von Beginn an von großer Bedeutung. 1895 wurden im Wintergarten die ersten Filme der Gebrüder Skladanowsky aufgeführt. Noch bevor die französischen Gebrüder Lumière ihren Zug aus der Leinwand auf das Publikum rasen ließen, boxten in Berlin bereits Kängurus gegen Menschen.

Von da an entwickelte sich die deutsche Hauptstadt mit der UFA zum Zentrum deutscher Filmproduktion. Expressionismus, Science-Fiction und experimentelles Kino – das Berlin der Zwanziger Jahre ist ein pulsierendes Gewebe, in dem sich Abgründe und Widersprüche auftun. Das Kino zeigt die Stadt als Rausch und die brutale Wirklichkeit der hinter der lärmenden Großstadtfassade im Elend liegenden Hinterhofwelten.

All dem setzten die Nationalsozialisten ab 1933 ein jähes Ende. Erst die 1970er und 1980er Jahre brachten noch einmal intensive Filme, welche die Lage der geteilten Stadt im Ausnahmezustand und das Leben ihrer Bewohner*innen vortrefflich einzufangen verstanden. Vielleicht ist Andrzej Żuławskis „Possession” (1981) hier die subtilste und in ihrer Brutalität zugleich direkteste Verbildlichung der deutschen Schizophrenie.

KEIN ENTKOMMEN AUS DEM RASENDEN STILLSTAND

Ein etwas verkürzter, doch in der dichotomischen Gegenüberstellung durchaus ergiebiger Vergleich der Darstellung Berlins im Film etwa der 1920er Jahre mit den Filmen der Berliner Schule (ab Ende der 1990er Jahre) und aktuellen Produktionen legt einen veränderten Blick auf die Stadt offen: Berlin ist in den Filmen seit der Jahrtausendwende oftmals jedes Leben entzogen, die Figuren verlieren sich in der sinnentleerten Architektur der Nachwendezeit. In VICTORIA (Regie: Sebastian Schipper; 2015) werden das Rastlose, das Suchende und die Unmöglichkeit des Entkommens aus der Stadt (und der Unterwelt) in eine einzige zwei Stunden dauernde Einstellung gegossen.

I WANT TO RETURN RETURN RETURN setzt hier an und zugleich neue Impulse, zeigt ebenfalls eine zwischen Bewegung und Stagnation gefangene Metropole: Immer ist etwas los und doch geschieht nichts. Wir werden Zeugen der Sehnsucht in den Suchbewegungen der Menschen, die gefangen sind in Wiederholungs- und Warteschleifen des Lebens und auf die Auflösung des – einer Schockstarre gleichenden – Zustands hoffen.

Warten ist zum Berlingefühl schlechthin geworden. Man harrt in der Wohnung oder WG aus, die man hat, weil man sich einen Umzug nicht leisten kann. Man harrt in schlecht bezahlten Jobs aus, weil man hofft, dass das Beste noch kommt. Man harrt aus, weil es bequem geworden ist und sich als Lifestyle verkaufen lässt. Man hat seine Jugend, doch was nützt einem die Energie, wenn die Räume für Kreativität und gesellschaftliche Transformation nicht mehr existieren?
 

I WANT TO RETURN RETURN RETURN (2020)
Regie/Drehbuch: Elsa Rosengren
Bildgestaltung: Giulia Schelhas
Produktion: Margarita Amineva
Schauspiel: Elpiniki Saranti, María Kalach

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Dieser Film ist zu sehen im Hauptwettbewerb in Kaufbeuren im FILMBLOCK 01:

Montag 27. September 18.45 - 20.30 Uhr Corona Kinoplex
Mittwoch 29. September 21.00 - 23.00 Uhr Corona Kinoplex
Freitag 1. Oktober 16.30 - 18.30 Uhr Corona Kinoplex