DAS SPIEL DES LEBENS

LE CERCLE D'ALI

SPORTLICHES KINO

Die Analogie zwischen Kino und Arena ist unübersehbar: In beiden Fällen sitzen Menschen auf Stühlen in Reihen und Rängen, lösen sich in der Masse auf und schauen gemeinsam anderen gebannt dabei zu, wie diese sich bewegen. Schon der frühe Film ist geprägt von Boxkämpfen, Baseball und der Akrobatik des Slapsticks und des Tanzes, die jeder für sich Lust an der Bewegung des Körpers zelebrieren. Alsbald finden Nachrichten aus der Welt des Sports Eingang in die Wochenschauen und Dokumentationen.

Über die Jahre haben sich dramaturgische Standards herausgebildet. So geht es in den meisten Sportfilmen um den klassischen Kampf Gut gegen Böse, David gegen Goliath, Underdog gegen Favorit oder um eine Begegnung mit sich selbst. Der Wettkampf wird im Film zu einem Symbol für das Streben nach Erfolg, Geld und Macht. In den Gegensatzkonstrukten verstecken sich nicht selten politische Auseinandersetzungen: Schwarz gegen Weiß, Ost gegen West.

Häufig zeichnen Sportfilme auch einen sozialen Aufstieg nach – von ganz unten nach ganz oben (ROCKY, 1976). Dabei spielen die Filme des Genres auch gern mit der so entstehenden Fallhöhe, denn neben dem Aufstieg sind es die Schicksalsschläge, die berühren und für die sich Kino und Öffentlichkeit begeistern (RAGING BULL, 1982).

Sieg und Niederlage, das Auf und Ab und all die Hoffnungen und Ängste, die damit verbunden sind, machen Sportfilme letztlich zu Metaphern für das Leben selbst. Und die Bedeutung des Sports als Kultur ist ohne seine Verbreitung durch die Massenmedien des 20. Jahrhunderts wohl nicht denkbar. Die Sichtbarkeit der Sportler:innen lässt sie zu Idolen werden, die zumindest teilweise unsere jugendliche Identität formen. Wie nie zuvor ist Sport dadurch eng mit unseren Biografien verknüpft und jede Generation hat ihre Ikone: Ali, Senna, Maradona, Graf, Williams, Ronaldo.

POLITISCHER SPORT

Sport, das wird bereits an diesen sehr knappen Betrachtungen zum Kino ablesbar, kann wohl kaum als von gesellschaftspolitischen Entwicklungen losgelöstes Phänomen betrachtet werden, wenngleich sich einzelne Sportler oder Verbände immer wieder danach sehnen. Geradezu legendär sind die Äußerungen Berti Vogts' anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 1978 in Argentinien und den dort stattfindenden Folterungen Oppositioneller: „Argentinien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen.“ 40 Jahre später formuliert es Oliver Bierhoff anlässlich der WM in Russland so: „Politische Probleme müssen auf anderer Ebene gelöst werden.“

Doch Sport wurde zu jeder Zeit der menschlichen Geschichte zur Aufrechterhaltung der Macht genutzt. Großmächte instrumentalisieren die größten Sportveranstaltungen gern zur Verbreitung ihrer Ideologien. Das bekannteste Beispiel ist hier wahrscheinlich die Beauftragung Leni Riefenstahls durch Adolf Hitler, die Olympischen Spiele von 1936 filmisch festzuhalten: Ein friedliebendes Deutschland bringt die Völker der Welt zusammen.

WILDER RITT

Das Kernthema des Sport(film)s ist die Frage nach der Identität in Bezug auf das Individuum genauso wie in Bezug auf die Gesellschaft bzw. den Staat. In LE CERCLE D'ALI verdeutlicht Antoine Beauvois-Boetti auf eindringliche Weise, wie sehr Sport, Leben und Politik ineinander greifen, wenn er den Bemühungen des jungen Salman, sich in einem Aufnahmezentrum in Frankreich auf das Asylantragsverfahren vorzubereiten, dessen Erinnerungen an sein erstes und einziges Spiel des afghanischen Nationalsports Buzkashi gegenüberstellt.

In einem fremden Land lernt Salman eine neue Sprache und im Fußball mit anderen Asylsuchenden zugleich einen neuen Sport. Doch es ist das erinnerte Sportereignis, das zeigt, woher er kommt und wer er ist. Nicht nur der Verlust einer vergangenen Zeit wird hier mithilfe des Sports erzählt, sondern welche Konflikte und schmerzhaften Ablösungen Flucht und Migration in der eigenen Identität hervorrufen können. Wer ist man, wenn man das Trikot einer „anderen Mannschaft“ trägt oder tragen muss?
 

LE CERCLE D'ALI (ALI'S CIRCLE | 2020)
Regie/Drehbuch: Antoine Beauvois-Boetti
Bildgestaltung: Lucie Baudinaud
Produktion: Arthur Beauvois, Marie-Mars Prieur

» Filmausschnitt auf vimeo

Dieser Film läuft im FILMBLOCK 02 des Wettbewerbs um den Demokratie-Preis in Kaufbeuren:

Sonntag 26. September 20.30 - 22.00 Uhr Corona Kinoplex
Mittwoch 29. September 18.45 - 20.30 Uhr Corona Kinoplex